Eine traumhafte Premiere 6 - Doppelrolle

„Suuuuuuper, Du Liebe - Dich kammer halt machen lassen!
Freu mich aufs Wiedersehen und hoffe, dass es Dir gut geht.
Liebe Grüße
Barbara“

Ich schloss die E-Mail und fuhr den PC herunter, während ich noch einmal die Requisitenliste durchging. Seitdem ich mehr oder weniger die Aufsicht über die Requisite übernommen habe – inklusive dem heiligen Requisitenregal – habe ich sehr schnell gelernt, dass in diesem Bereich Ordnung das GANZE Leben ist. Alles muss fein säuberlich einsortiert sein und darf auf gar keinen Fall verändert werden, sonst geschehen Katastrophen. Also habe ich alles geordnet und organisiert, eine Liste mit allen Requisiten nach Szenen erstellt und festgehalten, wie sie zu stehen haben und von wem sie hereingebracht und abgeräumt werden. Das Regal ist jetzt beschriftet und einsortiert. Die Regisseurin war angetan.

Ich schlang mir statt einer Jacke nur einen Schal um, weil das Wetter wieder einmal fiel zu warm für die Jahreszeit war, und eilte die Treppen zum Auto herunter. Ein Blick auf die Uhr und ich wusste, dass ich wieder zu spät im Theater ankommen würde. Aber zehn Minuten Verspätung lagen innerhalb der Toleranzgrenze und so richtig angefangen wurde erst eine halbe Stunde später. Als ich ankam, war der Parkplatz mehr als voll, wahrscheinlich wieder irgendeine Veranstaltung, und ich musste fast ganz hinten parken. Dadurch vergrößerte sich mein Weg zum Theater beträchtlich. Der Sturm, der sich zusammenbraute, tauchte alles in tiefste Dunkelheit und blies furchtbar schwülheiße Luft vor sich her. Als ich ausstieg und meine Sachen herauskramte, bogen einige Jugendliche um die Ecke und ich hatte für einen Augenblick ein schlechtes Gefühl. Obwohl ein Wohngebiet ganz in der Nähe lag, war es hier recht einsam und die Laternen gaben nicht wirklich Licht. Wie der Zufall es wollte, hatten die Gruppe und ich für einige Meter denselben Weg, bis ich schließlich das Theater erreichte. Ich atmete durch und trat in den lichterfüllten Vorraum ein. Alle wuselten an einer anderen Stelle herum und es brauchte ein wenig Zeit, bis ich jeden begrüßt hatte. Zum Schluss war Barbara an der Reihe.

„Hallo, danke für deine liebe Mail!“, sagte ich ihr, während ich sie umarmte.

„Hast du sie noch gelesen? Schön! Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du bei uns bist. Endlich jemand, der mitdenkt!“

„Denken ist mein zweiter Vorname.“ lachte ich.

„Ruth kann heute nicht kommen. Die Erkältung ist eine Virusgrippe, sagt ihr Arzt. Und es hat sich noch eine bakterielle Entzündung daraufgesetzt.“

„Oh nein! Und nur noch 3 Wochen bis zur Premiere!“ Wir brauchten Ruth dringend. Ohne eine der Hauptdarstellerinnen erwies sich die Probe als äußerst unfruchtbar. George und ich verpassten ständig die Einsätze und spielten ins Leere.

Das sah auch Barbara so und warf mir einen flehenden Blick zu. „Es tut mir leid, aber ich muss dich heute total ausnutzen. Kannst du Ruth spielen?“

„Die Hauptrolle?!“ Ich musste schlucken, das war verdammt viel Text und ich wäre fast ständig auf der Bühne. Andererseits fühlte ich mich geschmeichelt. „Kein Thema, ich spiele ihre Rolle und meine. Ich bin multitaskingfähig.“

„Das würdest du tun?“, jubelte Barbara. „Du bist ein Schatz!“

Ich begab mich auf die Bühne und fing an. Ziemlich schnell geriet ich ins schwitzen und stellte meine Wasserflasche mitten in die Kulisse, damit ich sie jederzeit griffbereit hatte. Ich hatte das Gefühl, Unmengen von Wasser trinken zu müssen. Es war ungewohnt, eine fremde Rolle zu spielen. Ich kannte die Gänge nicht alle auswendig und fühlte mich ab und zu etwas planlos auf der Bühne. Aber dafür konnte ich bei Mimik und Gestik alles rausholen, was in mir steckte.

„Du wärst eine gute Zweitbesetzung...“ überlegte die Regisseurin anerkennend.

„Ach, hör auf, ich bin nicht mal annähernd ein guter Ersatz!“

„Nein, wirklich, du machst das gut!“ meinte Madame Arcati.

„Ich hab das Gefühl, ich weiß gar nicht, wo ich stehen soll.“

„Das ist doch Nebensache!“ lachte die Madame.

 

„Femme, ich würde gerne noch etwas ausprobieren...“, bat Barbara dann. „Wenn du deinen ersten Auftritt hast, dann komm doch bitte nicht gehend auf die Bühne, sondern tanzend. Der Zuschauer muss merken, dass du irgendwie anders bist.“

„Was soll ich denn tanzen?“ Sie wirkte etwas unsicher.

Die Regisseurin blätterte im Skript. „Langsam und schwebend“

„Tanz einen Walzer“, schlug ich vor.

„Das kann ich nicht allein!“, wand Femme sich.

„Doch. Es muss ja kein perfekter Walzer sein, nur angedeutet, mach einfach ein paar weite Drehungen.“ instruierte Barbara.

„Aber das geht nicht allein.“ beharrte Femme.

„Komm schon, wir wissen doch, dass du in die Tanzschule gehst. Da werden sie dir doch einen Walzer beigebracht haben!“

Warum sah Femme plötzlich so verloren aus? „Es geht wirklich nicht.“ Sie ließ den Kopf sinken, aber bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte Charles sie sich schon geschnappt und wirbelte sie über die Bühne. Sie tanzte automatisch mit.

„Genau! Und das jetzt bloß noch mal allein!“, rief die Regisseurin. Femme tat es.

„Gehst du eigentlich immer noch in die Tanzschule?“ fragte ich sie.

„Ja, das ist ein permanentes Arrangement.“ Dann kann es nicht am Können liegen, dachte ich mir.

Wir näherten uns den Schlussszenen. Darauf freute ich mich besonders, weil ich mich hier richtig mit Femme streiten musste. Wir nahmen die Positionen ein: sie langgestreckt auf einer Armlehne des Sofas, ich spiegelbildlich auf der anderen Lehne. Ich trug einen halblangen Rock, der für diese Position so gar nicht geeignet war. Aber heute wurden ja auch keine Kostüme verlangt. Mein Bühnenpartner sah uns amüsiert zu. „Meine Güte, Ruth, du hast dich so verändert!“, rief er aus.

„Ja, nicht? Ich bin jünger geworden.“ lache ich und fing mit meinem Text an. „Wenn Edith für das ganze Theater verantwortlich ist, setze ich sie morgen vor die Tür!“

Femme lachte boshaft. „Du wirst morgen gar nicht mehr hier sein.“ giftete sie mich an und die Feindseligkeit in ihrer ganzen Körpersprache warf mich fast um. Meine Güte, kannst du schnell umschalten, Mädchen.

Arcati versetzte Edith in Trance und befragte sie: „Nun gestehe, warum hast du deines Herrn erste Frau aus dem Jenseits zurückgewünscht?“

Femme zu mir: „Weil sie die Zweite nicht ausstehen konnte.“

Edith: „Ich wollte sehen, wie sie aussah.“

Arcati: „Und warum hast du die Zweite zurückgewünscht?“

Ich drehte mich mit einem triumphierenden Lächeln zu Femme. „Weil sie gesehen hat, WIE du aussiehst!“

Die Regisseurin ließ uns die Szene mehrmals hintereinander spielen. Wir hatten unsere Mimik bald nicht mehr im Griff. Jede Gemeinheit, die ich ihr an den Kopf werfen musste, tat mir leid, und gleichzeitig musste ich lachen, weil dieser Teil des Textes so meilenweit von der Realität entfernt war.

Nach unseren gemeinsamen Abgang standen wir noch kurz im Bühnenzugang.

„Ich habe immer noch ein Problem mit meiner Rolle“, flüsterte sie mir zu.

„Wie meinst du das?“

„Das bin nicht ich“, ihre Stimme klang wieder unsicher und sie fasste sich an die Brust, so wie sie es in der Szene mit den falschen Perlen machen musste. „So bin ich nicht.“

Mit einem Mal wurde mir bewusst, in was für einem Dilemma sie steckte. „Aber du kannst jetzt auch keinen Rückzieher mehr machen. Sie alle zählen auf dich.“

„Ich habe Angst.“ gestand sie. „Das letzte war ein Stück für Kinder und ja, Kinder sind auch anspruchsvoll, aber wenn du da einen Fehler machst, lachen sie drüber und vergessen es wieder. Dieses Stück ist viel schwieriger.“ Hörte ich richtig, war das noch dieselbe Frau, die mir vor ein paar Wochen erzählt hatte, dass sie so etwas wie Lampenfieber nicht kannte?

„Ich weiß. Aber du spielst deine Rolle wirklich überzeugend.“

„Findest du? Ich fühle mich immer noch unwohl dabei. Es kommt mir so komisch vor.“

„Ich versteh dich. Hör mir mal zu“, meinte ich zu ihr. „Du entscheidest, wer du bist. Das was du da auf der Bühne tust, hat nicht das Geringste damit zu tun, wie du im wirklichen Leben bist. Du bist kein berechnender, hinterhältiger Vamp, der nur auf seinen Vorteil aus ist. Verwechsel’ nicht deine Rolle mit deinem Ich. Und denk daran, Barbara ist nicht der Papst. Wenn du etwas nicht tun willst, dann tust du es nicht. Sie werden dich dafür nicht weniger mögen.“

Ihr „Danke“ klang immer noch nicht wirklich überzeugt.

„Weißt du, es ist nicht schlimm, dass du Angst hast. Manchmal wirkst du so, als würde dir nichts etwas anhaben, als könnte nichts an deiner perfekten Aura kratzen. Dass du Angst hast, macht dich menschlich.“, sagte ich ihr.

 

Nach der Probe bat sie mich, noch mit zum Parkplatz zu gehen.

„Ich habe Angst vor der Dunkelheit“, meinte sie, kaum als wir das Gebäude verlassen hatten. „Schon als kleines Kind. Und vor diesem Wald.“ Die Bäume rauschten und knarrten gewaltig im Sturm. Irgendetwas wirkte seltsam an der Umgebung, lauernd und wild.

„Um ehrlich zu sein bin ich froh, dass ich nicht allein zum Auto muss.“ Da hatten wir denselben Gedanken gehabt. „Hier waren so komische Gestalten, als ich gekommen bin. Bist du hier in die Schule gegangen?“

„Ja, da drüben.“ Sie zeigte auf ein benachbartes Gebäude. „Ich hasse Horrorfilme.“, sagte sie unvermittelt.

Ich musste lachen. „Ehrlich? Ich auch, da bekomm’ ich fürchterliche Angst.“

Inzwischen waren wir angekommen. Es standen nur noch zwei Fahrzeuge auf dem Parkplatz.

„Das ist ja lustig, du hast neben mir geparkt.“ stellte ich fest.

„Viel Auswahl gab es ja nicht.“

„Da hast du Recht. Also mach’s gut.“

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wartete ich kurz, bis auch sie eingestiegen war und den Motor angelassen hatte. Am nächsten Morgen würde meine Stimme total rau sein. Nur noch drei Wochen.

27.10.09 17:45

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