Eine traumhafte Premiere 5 - blond und grün

Bei der nächsten Probe war zum Glück wieder Normalität eingekehrt. Die Regisseurin klopfte mit der Hand auf den Tisch, um uns zu sich zu rufen. „Könnt ihr bitte mal alle herkommen? Ruth hat eine Mail aus dem Urlaub geschrieben.“ Wir kamen nach und nach zu ihr.

„Wo ist sie denn gerade?“

„Katmandu“, erklärte Barbara.

Der Name sagt mir irgendwas, aber ich kann ihn nicht geografisch einordnen. „Wo um Himmels Willen liegt das?“

„Im Himalaya. Lest am Besten selbst...“

„Ich habe mich auf die Suche nach dem Yeti begeben – oder nach mir selbst, wie man es nimmt. Einige von euch werden vielleicht fragen, wo da überhaupt der Unterschied ist. Bisher habe ich:

-         erlebt, wie dünn die Luft auf 5500m Höhe tatsächlich ist (sehr dünn)

-         immer wieder vergessen, welcher denn jetzt der Nuptse und welcher der Lhotse ist

-         wahnsinnige Mengen Knoblauchsuppe gegessen (mit ungeahnten Folgen für die Verdauung)

-         mir die Schlimmste aller Tropenkrankheiten eingehandelt, die gefürchtete ERKÄLTUNG

In unserer Gruppe haben wir auch ein paar junge Männer, die ständig vorneweg rennen müssen. Ich habe mich davon nicht anstecken lassen und bin gleichmäßig mein Tempo gelaufen. Als sie dann schließlich Pause machten, habe ich sie überholt. Ich weiß, das ist hier ja kein Wettrennen, aber ich bin trotzdem als Erste angekommen, yeah! Wenn ich mich das nächste Mal melde, kann ich euch leider noch nicht sagen, weil ich bald in die pc-freie Zone komme. Ihr fehlt mir.

Liebe Grüße, Ruth“

Ich musste Schmunzeln. „Es wundert mich, dass es da überhaupt Internetanschlüsse gibt.“

Femme war inzwischen auch dazugekommen. Als ich sie ansah, erschrak ich ein wenig. Ihre Augen waren fast schwarz. „Hast du heute Abend noch was vor?“

Sie winkte ab. „Nein, ich habe nur das Make-up aufgelegt, dass Barbara wollte. Wie findest du es?“ fragte sie zu ihr.

Barbara betrachtete sie eine Weile eingehend. „Das ist genau das, was ich mir vorgestellt habe. Toll!“

„Mit dir muss ich auch noch das Make-up besprechen“, meinte unsere Stylistin zu mir und nahm mich mit in den Schminkraum. Dort öffnete sie gleich mehrere Schubladen, die von Kosmetikartikeln nur so überquollen. Ich fühlte mich wie in Kind im Bonbonladen. Sie sah mich prüfend an und entschied dann: „Also wir geben dir ein leichtes Make-up. Es soll sommerlich wirken. Ich würde sagen, ein schöner himbeerfarbener Lipgloss für die Lippen, den Lidschatten machen wir...“ sie überlegte.

„Lavendel?“ schlug ich vor.

„Ja, Lavendel!“ Sie kramte in ihren Utensilien herum und zog dann ein Döschen Puder heraus, dass sie aufschraubte und mir unter die Nase hielt.

Ich atmete ein und hätte fast angefangen zu Seufzen. „Was ist das?“

Anstatt einer Antwort erhielt ich nur ein Lächeln. „Möchtest du es haben?“

„JA!“ rief ich aus und nahm noch einen Atemzug. „Das riecht nach Rose und irgendwie...barock...und nach mehr.“

Sie schraubte das Döschen wieder zu. „Dann wird das dein Körperpuder.“

„Meinst du, ich kann vielleicht darin baden?“

Als ich wieder zur Bühne zurückkam, hatten die anderen bereits mit der Probe angefangen. Ich setzte mich neben Barbara und sah ihnen zu. „Sag mal, wenn die restlichen Scheinwerfer an sind, sieht das Make-up dann immer noch so heftig aus?“

Barbara drehte sich erschrocken zu mir. „Um Himmels Willen, nein! Das Licht schluckt unheimlich viel Farbe. Wenn alles an ist, wird es genau richtig sein. Schließlich muss man es ja auch noch von hinten erkennen können.“

„Gut, das beruhigt mich, denn momentan sieht Femme wirklich aus, als wäre sie tot.“

Wir liefen uns wieder im Vorraum zu den Toiletten über den Weg und Femme wirkte sehr niedergeschlagen. „Sie wollen mich grün schminken!“ rief sie mir angewidert entgegen. „Stell dir das mal vor! Ich soll doch gut aussehen. Aber wer will mich denn noch anfassen, wenn ich grün bin!“

Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. In diesem Moment kam Madame Arcati zu uns, die uns zugehört hatte. Sie zitierte gerade bei jeder Gelegenheit ihren Text. „Das wäre so ein modriger Ton.“ schmunzelte sie.

Ich schüttelte leicht den Kopf. Jetzt ist wirklich nicht der passende Zeitpunkt für Witze, und wandte mich wieder Femme zu. „Weißt du, manche Menschen sehen ja ganz attraktiv in Grün aus. Aber dir würde es, glaube ich, wirklich nicht stehen. Red doch noch mal mit Barbara darüber.“

Sie schien wieder Hoffung zu fassen. „Hast du mich eigentlich in meiner letzten Rolle gesehen?“ fragte sie mich unvermittelt.

„Ja, klar.“

„Da hatte ich die Haare doch hellblond. Ich habe überlegt“, sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das inzwischen eine beeindruckende Fülle erreicht hatte. In der letzten Rolle hatte sie es die meiste Zeit zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. „ob ich sie wieder blond färben soll. Was meinst du?“

„Ich habe dazu eigentlich gar nichts zu sagen, weil ich weder für die Regie noch für das Styling verantwortlich bin.“ Ihre Augen verrieten mir, dass sie auf eine Antwort wartete. „Aber wenn du meine Meinung hören willst: honigblond würde dir denke ich gut stehen. Wie ist eigentlich deine natürliche Haarfarbe?“

„Oh, brünett, ziemlich ähnlich zu deiner. Nur ein bisschen heller vielleicht.“

Am Ende rief Barbara uns noch zu einem kurzen Briefing zu sich. „Also Leute, am 24. kommt diese Pressetussi, um sich die Probe anzusehen und ein paar Fotos zu machen. Wir machen das ganz schnell: ein paar gestellte Fotos im Kostüm und dann soll sie wieder verschwinden, die stört uns eh bloß.“

„Alles klar.“

 

20.10.09 18:27

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