Eine traumhafte Premiere 4 - Der Blick

Mein Leben beginnt sich in äußerst seltsamen Bahnen zu bewegen. Es sind die Augen, die mich verfolgen und die mir an jeder Ecke zu begegnen scheinen, wo ich auch hinsehe.

 Erst vor kurzem sprach eine Freundin dieses Thema an. Unsere Unterhaltung begann, wie so oft, mit einer Frage. Sie reichen von banal bis tiefschürfend. Insgeheim frage ich mich, wie viele dieser Fragen sie noch auf Lager hat.

„Ist es dir jemals passiert, du siehst jemanden und ‚Wusch’? - Jetzt nicht im TossToss-Sinne, sondern eher dieses Blitz-Zumm-Wow-Gefühl?“

“Natürlich. Aber Sachen, die so bei mir anfangen, enden nicht gut. Besser ist es, wenn sich das langsam aufbaut.“

“Das meine ich nicht einmal im Sinne von Beziehungsanfang, sondern eigentlich eher allgemein. Mir ist das einmal passiert, vor einer Weile, auf der Rolltreppe im Kaufhaus. Auf der anderen Seite fuhr eine Frau herunter, ich hoch, Johanna redend neben mir. Und sie schaute mich an, ich sie und die Welt stand für einen Augenblick still. Ich konnte mich nicht losreißen, sie aber anscheinend auch nicht. Wir starrten uns an, bis wir uns nicht mehr gesehen haben, und haben uns danach auch nie wieder gesehen. Aber das war seltsam, warm, komisch, verwirrend und angenehm. Gefühllos und doch irgendwie weltbewegend. Ich war danach sehr neugierig, ob das anderen Leuten auch so geht, ob ihnen das öfter passiert, was es für sie bedeutet - für mich hat es in dem Moment so viel bedeutet, nach der Trennung, irgendwie. Deshalb wollte ich auch dich fragen.“

„Für mich bedeutet sowas nicht viel. Es ist ein Aufflackern von Etwas. Jemand gefällt dir. Es ist nicht so, dass man sich in dem Moment in den Charakter von jemand verlieben könnte, oder ähnliches. Aber ich sehe es deswegen nicht als etwas Schlechtes. Es ist ein schönes Gefühl, dass uns lebendig macht. Ich glaube, wir brauchen es ab und zu mal für unser Selbstwertgefühl. Man darf sich deswegen nur nicht wie ein Trottel benehmen.“

Nein, ich werde Augen nicht diese Macht geben.

 Manchmal scheinen sich alle Ereignisse, die mir innerhalb weniger Wochen passierten, nahtlos wie Puzzleteile zusammenzufügen. Es ist ein psychologischer Trick, soviel ist mir klar. Aber ab und zu ließ ich mich bewusst von mir selbst austricksen, wenn es mir eine Erkenntnis bringt. Nur kann ich diesmal das Bild nicht sehen.

Ich hatte die Bedeutung der Blicke herabgespielt und freute mich auf die Theaterprobe. Endlich war die Sommerpause vorbei, jeder aus dem Urlaub zurück und ich freute mich wahnsinnig darauf, wieder zu spielen. Als ich erfuhr, dass Femme eine Nierenbeckenentzündung hatte, war ich besorgt. Eigentlich sollte sie lieber daheim bleiben. Aber sie kam trotzdem, eingehüllt in einen dicken Pullover, was hätte ich anderes von ihr erwarten sollen? Sie ließ sich zwar manchmal von einem Anruf aufhalten, kam mit Verspätung, aber nie ließ sie einen Termin sausen, selbst wenn sie an dem Tag gar keine Szene hatte.

Wir begannen wieder mit einer Kostümprobe und in mir kam erneut dieses Thema hoch, dass mich schon von Anfang an störte. Ich baute mich in voller Montur vor unserer Regisseurin auf.

„Also Barbara, bei aller Liebe, ich werde diesen Mantel nicht anziehen, erst recht nicht auf der Bühne! Es ist total unlogisch, dass ich ihn in der Szene anhabe. Wer setzt sich denn bei Freunden im Mantel auf’s Sofa? Und außerdem ist er so groß, dass ich darin entweder aussehe wie ein Flughörnchen“, zum Beweis breitete ich die Arme aus. „oder wie ein Exhibitionist...“, bei diesen Worten nahm ich die Körperhaltung der Venus ein und schlug den Mantel in weitem Bogen auf, was bei allen für lautes Gelächter sorgte.

„Ja“, rief unsere Regisseurin aufgeregt aus und fuchtelte mit den Armen, „zeig uns, was du hast! Du musst in dieser Szene die Grande Dame spielen. Trag dick auf! Stell dir vor, du hättest so ein langes Stäbchen mit einer Zigarette in der Hand...“

Ich setzte mich auf die Couch, Beine übereinander und nahm mit den Händen das Möbelstück in Besitz. „Soll ich für die Rolle anfangen zu rauchen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht nötig. Aber nimm schon mal deine Handtasche, du musst den Umgang damit üben.“

„Ich hasse Handtaschen!“

Barbara grinste breit. „Ich weiß.“

„Und außerdem sind wir mit dem Thema noch nicht fertig!“

„Also gut, Kompromiss“, schlug sie vor. „du wirst den Mantel nicht tragen sondern bloß über den Arm nehmen und auf die Couch legen, wenn du hereinkommst.“

„Das ist genau das, was ich hören wollte.“ Ich schlug den Mantel wieder von meinem Körper zurück und versetzte damit erneut alle in eine Eruption des Lachens, ohne dass ich noch ein weiteres Wort sagen musste. Mein Bühnenpartner, der heute als Souffleur aushalf, verrutschte im Text. Er sah zu mir auf. „Wo ist denn mein Rasseweib?“

Vor Lachen konnte ich mich selbst kaum noch zusammenreißen. „Kann hier mal bitte einer ernst bleiben!“

„Ok, Pause!“ unterbrach die Regisseurin. „Wir machen gleich noch mal Szene 17. Leg dich schon mal hin, Femme.“

Wir tauschten die Plätze und Femme streckte sich auf dem Sofa lang, ließ die Hände über den Kopf hängen.

„Du sollst verführerisch aussehen, nicht scheintot.“ kam Barbaras Anweisung.

„Oh“ Sie räkelte sich und fing an zu Gurren wie eine Taube. „Besser so?“

„Ja, schon besser.“

Ein Lächeln huschte ihr über die Lippen. „Das habe ich daheim vor dem Spiegel geübt.“

„Wie, hat sich dein Freund nicht zur Verfügung gestellt?“

Es wurden noch weitere Szenen geprobt, hier und da unterbrochen von Anweisungen. Femme war gerade wieder dran.

„Stopp! An der Stelle muss man sehen, dass sich was in deinem Kopf tut. Du bist erst wütend. Dann denkst du: Egal, den krieg ich ja eh noch, lächeln und dann schaltest du die Musik an. Wenn du gleich die Musik anschaltest, nachdem du wütend warst, nimmt dir keiner das Tanzen ab.“

Die anderen hatten dazu ihre eigenen Ansichten:

„Das geht schon mit Heavy Metal.“

„Genau, Highway to hell!“

"Mach einfach Headbanging!”

Heute konnte definitiv niemand mehr ernst bleiben. Wir machten Schluss und setzten uns alle zusammen, um die nächsten Termine zu planen. Es würde eine anstrengende Woche werden. In 8 Tagen waren 4 Treffen geplant, davon würde eines den ganzen Tag dauern. Außerdem mussten alle Requisiten vom Probenraum auf die Bühne gebracht werden, denn dort würden wir ab jetzt spielen. Femme saß genau vor mir.

„Wie ist das eigentlich passiert mit der Nierenbeckenentzündung?“ fragte ich sie.

„Ach, ich war im Urlaub auf einer Hochzeit und wir saßen bis spät in der Nacht draußen. Ich hab gar nicht bemerkt, wie kalt die Luft war. Es ist einfach eine Verkühlung, schätze ich. Als es mit den Schmerzen anfing, habe ich mir noch nichts Schlimmes gedacht, aber dann kam Blut.“

„Oh Gott, du musst wirklich besser auf dich aufpassen! Stell dir vor, dass passiert während der Spielzeit.“

„Ich will gar nicht dran denken! Das wäre die absolute Katastrophe.“

Im gleichen Moment kassierten wir einen Rüffel von Barbara, weil wir ihr nicht aufmerksam zuhörten. Ich fühlte mich wie ein Schulkind. Femme drehte sich gleich wieder zu mir und sah mich stumm an, ohne ein Wort zu sagen. Die Sekunden verstrichen wie Kaugummi. Ihre Augen hatten ein klares Eisblau und sie schminkte sie immer so, dass die Farbe noch stärker hervortrat. Ihr Blick schien mich durchdringen zu wollen. Die Stirn leicht in Falten, bewegten sich meine Lippen, aber kein Wort kam hervor. Was denkst du gerade, Mädchen? Was willst du mir sagen? Ihr Mund zuckte.

Sie schaute schnell weg, aber drehte sich gleich darauf wieder zu mir, mit demselben langen durchdringenden Blick. So, als würde sie mich zum ersten Mal sehen. Die Situation war hochgradig seltsam. Wir begannen uns über die Wirkung von Frisuren zu unterhalten, damit es nicht noch peinlicher wurde. Ihr gefiel mein neuer Haarschnitt.

Mir fielen meine eigenen Worte an anderer Stelle ein. „Da treffen wir uns nach all dieser Zeit wieder und alles, worüber wir reden können, sind Kleider und Schuhe.“

 

Am Donnerstag lief meine Lieblingsserie im Fernsehen.

„Verlangen kann man schnell mit Liebe verwechseln. Die Fantasie kann uns weiß machen, dass das was wir fühlen, Liebe ist.“

„Sie verstehen die Liebe nicht. Sie haben diese versnobte Vorstellung, dass Liebe, wenn sie echt sein soll, auch dauerhaft sein muss. Nichts ist von Dauer. Das ist eine Tatsache. Wir lieben Menschen und hören auch wieder auf damit, dadurch wird die Liebe nicht weniger echt.“

„Vielleicht sagen sie das, weil sie die Liebe ihres Lebens noch nicht getroffen haben?“

„Oh doch, das hab ich! Und zwar mehrfach! Ich binde mich an jeden Menschen, den ich liebe. Wissen sie noch, was wir gesagt haben? Dass es ohne die Möglichkeit des Schmerzes keine Freude geben kann, keine echte Liebe.“

„Und was ist, wenn die Person, die sie lieben, diese Liebe nicht erwidert? Würden sie dannmit dem Schmerz leben?“

„Das muss ich wohl.“

Und damit war ich irgendwie wieder an dem Punkt angelangt, von dem aus meine Woche begonnen hatte. Lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Weisheiten!

 

4.10.09 15:25

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Fae (5.10.09 09:00)
Du triffst mal wieder die richtigen Worte. Kannst du hellsehen?


DieDenkerin (6.10.09 17:31)
Wenn du wüßtest, wie OFT ich das in letzter Zeit gehört habe!


Fae (6.10.09 18:48)
Dann sag ich es nochmal!