Eine traumhafte Premiere 3 - Gänsehaut

„Wow, das sieht ja großartig aus!“ Femme fatale war gekommen, mit ihrer üblichen fünfminütigen Verspätung, die ich mir inzwischen auch angewöhnt hatte.
 
Die große Begrüßung fing an. Ich hatte sie im Februar zum ersten Mal spielen sehen, sie war unglaublich talentiert. Und noch am selben Abend hatte ich den Entschluss gefasst, in der nächsten Season mit ihr gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Ich habe meinen Willen bekommen. Nicht unbedingt nur wegen meinem Talent, ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein Stück, das vor Doppeldeutigkeiten nur so strotzte, die große Jubiläumsverstellung, es waren zu viele Zufälle auf einmal. Als ich sie bei der ersten Lesung des Stücks kennen lernte, war ich mir nicht sicher, ob wir miteinander auskommen würden. Sie kam verspätet an, das ganze Ensemble war bereits versammelt, aber das schien sie nicht im Geringsten zu stören. Sie betrat den Raum mit einer Selbstverständlichkeit, als würde die Sonne aufgehen. Und in der Tat erhellten sich alle Gesichter, wie Blumen die bei Tagesanbruch das Sonnenlicht spüren. Sie machte eine große Runde um den Tisch, begrüßte jeden persönlich, bis sie zu mir kam.
 
„Du bist also die Neue.“
 
„Ja, die wäre ich. Bekomme ich keinen Kuss?“ Sie schmunzelte und hauchte ihn mir zweifach auf die Wangen.
 
Anfangs begann zwischen uns ein gegenseitiges Abschätzen, ein Lauern und Taxieren. Aber das änderte sich bald.
 
 
Mittlerweile erforschten alle Ensemblemitglieder das Bühnenbild und äußerten sich begeistert. Aber heute war noch Einiges zu tun, deswegen wechselten wir bald in den Probenraum zurück.
 
Ich liebe die Proben, weil dabei immer eine andere herrliche Panne geschieht. Diesmal verpasste Ruth meiner lieben Madame Arcati während der Seanceszene eine schallende Ohrfeige, als diese mitten im Text war. Ich sah die beiden erschrocken an. Die anderen saßen in der fiktiven ersten Reihe und schauten genauso entsetzt aus.
 
„Da saß eine Mücke auf deiner Wange! Sie hatte schon den Rüssel ausgefahren!“ rechtfertigte Ruth sich.
 
Ich kannte inzwischen Arcatis panische Angst vor Insekten. Man konnte die Zeitspanne, bis sie die Erklärung registriert hatte, geradezu mit der Stoppuhr bemessen. Denn einen Moment später sprang sie auf, fuchtelte wild mit den Händen und schrie laut. Ich fühlte mich sehr an eine andere Probe erinnert, wo etwas Ähnliches passiert war. Ihre Vorstellung war dabei die beste, an die ich mich erinnern kann.
 
Theaterproben können aus der endlosen Wiederholung einer Szene bestehen, bis sie automatisch sitzt. Mein Bühnenpartner hatte heute einen totalen Texthänger bei seinem Abgang und wir probten die Szene mindestens zehn Mal nacheinander. Immer der gleichen Zeilen, immer die gleichen Emotionen. Ich wundere mich manchmal über mich selbst, wie ich auch noch nach Wochen immer wieder neu eine Gänsehaut bei einer Szene bekommen kann. Das ist wohl der Zauber.
 
Am Ende klappte es schließlich und das ganze Ensemble klatsche ihm Beifall.
 
Ich ruhte mich in der Pause auf dem Sofa auf der Bühne aus. Femme kam mit schnellen Schritten zu mir und zog sich den Hocker, der neben dem Sofa stand, näher heran.
 
„Ich finde dein Heißgeliebt-Shirt total klasse! Es ist witzig und bringt mich gleichzeitig zum Nachdenken, wo hast du es her?“
 
Moment mal, was auf meiner Brust steht bringt dich zum Nachdenken? Ich erklärte es ihr, sie erinnerte sich sofort. „Und was gibt es Neues von deiner ersten eigenen Wohnung?“ fragte ich.
 
„Da ist mir gestern etwas wirklich komisches passiert. Ich hatte mich nachmittags ein wenig ins Bett gelegt, weil ich müde war. Weißt du, wie das ist, wenn man so im Halbschlaf daliegt und alles, was um einen herum passiert, irgendwie doch spürt, wie in Trance?“
 
„Ja, klar. Ich mag dieses Gefühl.“
 
„Die Vögel waren ganz deutlich zu hören. Es klang, als ob sich jemand nähert, ich habe es gespürt. Aber ich war zu müde, um nachzusehen. Und in dem Moment geht die Tür zu meinem Schlafzimmer auf und meine Mutter steht da.“
 
„Was?!“
 
„Ja! Zum Glück war mein Freund nicht da, er hätte sich ganz schön aufgeregt. Sie hat gemeint, dass sie sich Sorgen um mich gemacht hat, weil ich nicht ans Telefon gegangen bin.“
 
„Aber da kann sie doch nicht jedes mal vorbeikommen! Stell dir nur vor du bist gerade unter der Dusche oder ihr seid anders beschäftigt…“
 
„Ja!“
 
„Außerdem wohnst du doch nur zehn Minuten von ihr entfernt. Was soll denn meine Mutter sagen, bei uns sind es 400 Kilometer!“
 
Wir redeten noch eine Weile weiter. Sie trug während der Proben immer einen Schal, ihren Probenschal, um sich an den Umgang mit dem Bühnenschal zu gewöhnen, den die Rolle erforderte. Ihre wesentliche Aufgabe bestand darin, erotisch zu sein, und der Schal war dafür ein wichtiges Accessoire.
 
„Du könntest damit noch einen bestimmten Move machen, habe ich mir gedacht. Beweg ihn doch mal so..“ Ich machte ihr eine kleine peitschende Bewegung aus dem Handgelenk vor. 
 
Sie wiederholte es, der Schal floss hinter ihrer Hand her und sie fing an zu lachen. „Das sieht wirklich gut aus! Ich muss mir gleich überlegen, wo ich das einbaue.“
 
„Kleiner Tipp, mit wem auch immer du das machst, du musst darauf achten, dass der Schal ihn berührt.“ Sie machte es noch einmal. „Ja, jetzt kannst du den Anmachtrick!“
 
 
Als die Pause zu Ende war, wurde eine unserer Lieblingsszenen gespielt.
 
Charles zu seiner Frau: „Darf ich noch fünf Minuten aufbleiben bitte?“
 
Ich saß inzwischen auf meinem üblichen Platz in unserer gedachten ersten Reihe. In der Mitte Barbara, damit sie jede Bewegung gut sehen konnte.
 
Charles: „Ich wurde nie von einer Frau dominiert und ich kann es nicht leiden, von Frauen dominiert zu werden!“
 
Ich sah instinktiv zu Femme rüber, die rechts saß, auch sie hatte den Blick zu mir gewandt. Ich sagte mit meinem Gesicht, dass nicht jeder Mann die Dominanz einer Frau verabscheute. Sie lächelte wissend.
 
 
Bei der Verabschiedung nahm sie mich noch einmal zu Seite.
 
„Ich wollte dir die ganze Zeit schon etwas sagen. Was du da mit deiner Mimik machst ist einfach Wahnsinn, ich könnte mich die ganze Zeit nur auf dich konzentrieren, wenn du da vorne stehst.“
 
„Das kann jetzt nicht dein ernst sein, dass du das sagst! So geht es mir mit dir auch! Du machst das so expressiv, einfach großartig!“

3.9.09 20:48

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